Kritisches Denken (eb 7-8 | 2021)

Viele Universitäten haben erkannt, dass neben der fachbezogenen Lehre auch die Vermittlung von fachunabhängigen Kompetenzen erforderlich ist. So führt beispielsweise die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) für ihre Lehrveranstaltungen neu und zusätzlich ein „Kompetenzraster“ mit 20 persönlichen und sozialen Kompetenzen ein. Eine davon ist „Kritisches Denken“. Brauchen wir das? Natürlich brauchen wir kritisches Denken! Das betrifft uns alle jeden Tag, als Bürger, als Ingenieur, als Autor und Leser einer Fachzeitschrift. Im Allgemeinen wird da jeder zustimmen. Machen wir also ein Beispiel.

Die Eisenbahn ist umweltfreundlich, das wissen wir. Aber ist sie das wirklich? Kürzlich durften wir an dieser Stelle vernehmen, dass die Neue Eisenbahn-Alpentransversale NEAT durch die Schweiz fertiggestellt ist.

Meyer Gratzfeld

Etwas vereinfacht und provozierend zusammengefasst geht es der Umwelt künftig also immer besser. Es hilft der Umwelt aber kaum, wenn sich nun zusätzliche Ströme von Tagestouristen auf die Alpensüdseite begeben. Würden sie stattdessen mit dem Auto ins Nachbardorf fahren, belastet das die Umwelt insgesamt viel weniger. Nur stellt sich dann die Frage, wieso sie nicht gleich zu Fuß oder mit dem Fahrrad dorthin gehen. Es hängt also auch bei scheinbar eindeutigen Wahrheiten viel vom Standpunkt ab.

Eine absolute Wahrheit gibt es ohnehin nicht. Es gibt Fakten, und die sind mehr oder weniger gut überprüfbar. Dazu gibt es Interpretationen, Meinungen und Überzeugungen. Die darf und soll man äußern und sie als solche deklarieren. Diese Unterscheidung bewährt sich in der Lehre, in Projekten und auch sonst im Leben. Wer pointierte Meinungen vorbringt, muss natürlich mit Kritik und Gegenrede rechnen. Wird sie offen vorgebracht, entsteht ein fairer Diskurs. Wir sind, um beim Beispiel zu bleiben, mehr denn je auf die Bahn angewiesen, wenn wir das gesamte Transportsystem so umweltfreundlich wie möglich gestalten wollen. Und weil sich das zwar mit technischen Optimierungen fördern, aber nicht alleine erzwingen lässt, sind wir auch bei der Politik angelangt und es geht erneut um Meinungen und Überzeugungen. Das kritische Denken fängt dann gerade erst an.

Hoffen wir also, dass nicht nur unsere Nachwuchsingenieure mit solchen Kompetenzen aufwachsen. Als Fachzeitschrift wird eb – Elektrische Bahnen auch weiterhin einen Beitrag dazu leisten, mit fundierten Fachartikeln aus verschiedener Optik und mit Standpunkten, die zum kritischen Denken anregen.

(li) Dr. Markus Meyer
Mitinhaber emkamatik
Lehrbeauftragter an der ETH Zürich

(re) Prof. Dr. Peter Gratzfeld
Karlsruher Institut für GmbH Technologie (KIT) 

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