175 Jahre Eisenbahnen in der Schweiz (eb 4 | 2022)

In diesem Jahr werden 175 Jahre Eisenbahn in der Schweiz gefeiert. Am 7. August 1847 wurde zwischen Zürich und Baden die erste Eisenbahnlinie für den Personenverkehr eröffnet. Die zahlreichen technischen und gesellschaftlichen Errungenschaften der Bahn werden im Verlaufe des Jubiläumsjahres an verschiedenen sehenswerten Festivitäten der Öffentlichkeit präsentiert.

In der Gründerzeit waren die Bahnen noch mit Kohle unterwegs. Bereits 1888 ging in der Schweiz die erste elektrisch betriebene Bahn Tramway Vevey-Montreux-Chillon (VMC) in der wunderschönen Genfersee-Region in Betrieb. Die frühzeitige und umfassende Elektrifizierung der Bahn in der Schweiz war damals bereits ein sehr guter Entscheid, der die Bahn von importierter Kohle unabhängig machte. Heute ist primär der Klimaschutz respektive die CO2-Reduktion einer der entscheidenden Treiber der Elektrifizierung. Dieses Argument hat zu Beginn der Elektrifizierungsphase eine untergeordnete Rolle gespielt. Die Elektrifizierung der Schweizer Bahnen wurde 1960 vollendet. Heute werden hauptsächlich existierende Strecken erneuert und optimiert. Neu gebaute Strecken werden von Anfang an mit Fahrleitungen ausgerüstet. Es ist schön zu sehen, dass zum Beispiel die Stadt Lausanne wieder eine Tramlinie im Herzen der Stadt realisiert. Es handelt sich dabei um die erste normalspurige Tramlinie in der Schweiz. Die letzte Tramlinie in Lausanne ist 1964 außer Betrieb gesetzt worden.

Rico Furrer

Rico Furrer
Furrer + Frey AG
Geschäftsführer

Wenn auch die Elektrifizierung der Strecken abgeschlossen ist, sind doch noch Dieselfahrzeuge im Rangierbetrieb, für die Last-Mile-Zustellung und für Baudienstfahrzeuge im Einsatz. Die SBB ist bestrebt, die verbleibenden Dieselfahrzeuge auf elektrischen Antrieb umzustellen. Die Gleis- und Oberleitungsbaufirmen werden sich dieser Entwicklung anschließen müssen. Technisch gibt es bereits erste Lösungen, die in diese Richtung gehen. Mit der Umstellung sind jedoch erhebliche Kosten verbunden. Die Frage der Finanzierung ist bisher noch nicht abschließend beantwortet und wird wohl nur in enger Zusammenarbeit zwischen Bahnen und Firmen zielführend gelöst werden können.

In den 175 Jahren hat sich ein großes Knowhow im Bereich der Eisenbahn angesammelt. Eine der Herausforderungen wird sein, dieses Wissen weiterzugeben und weiterzuentwickeln, damit die Leistungsfähigkeit der Bahn erhalten bleibt und auch die Faszination für die Bahn aufrechterhalten werden kann. Dazu gibt es zahlreiche Initiativen, die diese Bestrebungen unterstützen.

Am 10. Mai 2022 findet bereits die fünfte Bahntagung der Electrosuisse im Verkehrshaus Luzern statt. Es werden die aktuellen Themen in den Bereichen Energie und Traktion sowie Automation und Digitalisierung behandelt. Auch internationale Beiträge sind Teil des spannenden Programms. Die Veranstaltung richtet sich an Planer, Dienstleister und Hersteller im Bahnbereich, Betreiber von Bahninfrastruktur und Vertreter von Verbänden, Politik und Wissenschaft.

Auch im Bereich der Bildung tut sich Einiges. Es sind in den vergangenen Monaten erfreulicherweise diverse CAS-Weiterbildungen an den Fachhochschulen in der Schweiz ins Leben gerufen worden, die sich dem Thema der Bahn und ihrer Infrastruktur widmen. Der Fachkräftemangel könnte die zukünftige Entwicklung bremsen. Er ist und bleibt ein sehr wichtiges Thema für die Bahn.

Mit großem Erfolg wurde im vergangenen Jahr das erste Railway Summer Camp durchgeführt, welches der Verband Öffentlicher Verkehr (VöV) zusammen mit diversen Bahnunternehmen und der Industrie ins Leben gerufen hat. Das Railway Summer Camp, das auch dieses Jahr wieder stattfindet, soll studierende Ingenieurinnen und Ingenieure aus verschiedenen Fachrichtungen für das Bahnsystem begeistern. In Workshops an der Fachhochschule Fribourg und bei Besichtigungen von Baustellen und Werkstätten wird ein Grundlagenwissen des Systems Bahn und der Eisenbahntechnik in den Bereichen Infrastruktur und Rollmaterial vermittelt.

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Herstellung und der Unterhalt von Rollmaterial und Bahninfrastruktur nach wie vor viel Handwerk von bestens qualifiziertem Personal benötigt. Gerade in diesem Bereich werden wir wahrscheinlich den Fachkräftemangel längerfristig noch stärker spüren als in anderen Bereichen. Die Arbeit im Büro wird zusehends attraktiver gestaltet mit den Möglichkeiten der Digitalisierung, von Teilzeitarbeit und Homeoffice. Wie sieht es aber auf unseren Baustellen aus? Die Interventionszeiten werden laufend an die steigenden Anforderungen des Betriebs angepasst. Dies bedeutet noch mehr Einsätze während Wochenenden, Feiertagen und Ferienzeiten. Die Schreibtischarbeit lockt die Leute von der Baustelle weg ins Büro. Hier müssen die Infrastrukturbetreiber, Eisenbahnverkehrsunternehmen und Baufirmen handeln, damit die Arbeit bei der Bahn und für die Bahn faszinierend und attraktiv bleibt.

Rico Furrer
Furrer + Frey AG
Geschäftsführer

Zum Seitenanfang