Nachwuchs (eb 6-7 | 2022)

Einen negativen Anstrich sollte die Überschrift nicht haben. Dennoch sprechen viele von Nachwuchssorgen, und das auf breiter Front. In der Bahnbranche ist ein großer Wettbewerb um das beste Personal entbrannt, oder um überhaupt welches. Das betrifft sowohl Ingenieure als auch Monteure und das Betriebspersonal. Selbst die Lkw-Branche findet nicht mehr genügend Fahrpersonal.

Bei der Bahn verhindert die Kleinteiligkeit der Bahngesellschaften auch einen Personalaustausch. Man gewinnt derzeit den Eindruck, dass Fachkräfte gegenseitig abgeworben werden, zumeist mit Anreizen, die über bisher Bekanntes hinausgehen. Es werden deshalb aber nicht mehr Fachkräfte im Sektor, sondern diese bekommen lediglich einen anderen Arbeitgeber und machen häufig das gleiche wie zuvor. Irgendwo trifft man immer wieder auf die gleichen Kollegen, geändert haben sich lediglich die Visitenkarten. Die anstehenden Aufgaben erfordern ein Mehr an Fachkräften in allen Bereichen – bei denjenigen die es planen, bei denjenigen die es bauen und bei denjenigen, die das Bahnsystem betreiben.

Warum ist das so? Der Mangel an Fachkräften hat eine lange Vorgeschichte. In Deutschland wurden weder die Neubauprojekte noch die Erhaltung bestehender Anlage mit Konstanz vorangetrieben. Die Unternehmen der Branche waren gar nicht in der Lage, langfristig einen Mitarbeiterstamm aufzubauen, den vorhandenen konstant zu halten oder gar nachhaltig zu vergrößern. Andere Unternehmen haben schlichtweg die Lust an der Bahnbranche verloren, ein Ergebnis der Vertragsbedingungen und der nicht immer partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Geld kann man auch woanders verdienen und das offensichtlich besser. Hinzu kommt, dass die Bahnbranche stark reguliert ist und der Einstieg für neue Firmen nicht einfach ist. Andere Branchen gelten als weniger kompliziert.

Und dann kommt der immer kleiner werdende Arbeitsmarkt hinzu. Ende der 1990er Jahre wurde bei den Bahnen Personal abgebaut. Die Anzahl der Neubauprojekte ging trotz einiger Leuchttürme zurück, es wurde weniger Aufwand in bestehende Anlagen gesteckt, diese eher zurückgebaut. Es war ein ständiges Auf und Ab. Auf Außenstehende und junge Leute, die sich eine berufliche Zukunft suchen, wirkte das weniger attraktiv. Das zeigte sich auch an rückläufigen Studierendenzahlen an den Hochschulen.

Heute hat die Bahn ein ganz anderes Image: Sie gilt als zukunftsweisend und relevant für das Erreichen der Klimaziele. Neue Technologien halten Einzug. Sie ist ziemlich krisenfest, wie die zurückliegenden Monate in der Corona-Pandemie gezeigt haben. Die Unternehmen des Bahnsektors haben ohne Unterbrechung durchgearbeitet. Die Elektrische Traktion boomt, nicht nur auf der Schiene, sondern auch auf der Straße.

Und dennoch gelingt es nicht, genügend neue Fachkräfte zu gewinnen. Das ist im Übrigen kein rein deutsches Problem, sondern betrifft den Bahnsektor auch in anderen Ländern. Das hat auch demografische Gründe: Die Anzahl der Studierenden geht laut Statistischem Bundesamt seit mehr als zehn Jahren zwar ständig nach oben, dies aber zu Lasten der Ausbildungsberufe. Die Anzahl der Ingenieurwissenschaften Studierenden stagnierte zunächst und geht seit einigen Jahren gar zurück. Beispielsweise bei der Elektrotechnik ist dieser Trend noch verstärkt. Woran liegt das und wie kann man diesen Trend umkehren? Liegt es an den Namen der Studiengänge? Liegt es an der nicht ausreichend ausgerichteten Ausbildung? Liegt es überhaupt daran, das man gar nicht weiß, dass es so etwas gibt? Wie kann man Fachkräften die nicht immer familienfreundlichen Arbeitszeiten schmackhaft machen?

Eventuell trägt zur Imageverbesserung das 9-EUR-Ticket bei, welches unbestritten auch eine Einladung zum Bahnfahren ist und insbesobdere auch von jungen Fahrgästen genutzt wird. Dabei lernt man zum einen die Bahn selbst kennen, aber auch, dass noch jede Menge zu tun ist, damit deren Nutzung wirklich attraktiv wird. Warum hat man nicht die Chance zu einer parallelen Imagekampagne für den Bahnsektor genutzt? Mit den Themen Energieeffizienz, Nachhaltigkeit, Digitalisierung sollte eine Imageverbesserung doch gelingen?

Es finden junge Leute den Weg in den Bahnsektor. Ein Beleg ist die eb, in der immer wieder junge Fachleute über ihre Ansätze und Erfolge berichten. In den internationalen Normungsgremien steht in naher Zukunft ein Generationswechel bevor. Die Mitarbeit in den Gremien ist attraktiv: Man lernt Lösungen in anderen Ländern kennen, Fachleute anderer Firmen und damit neue technische Ansätze. Das persönliche
Netzwerk entwickelt sich nebenbei fast von ganz allein.

Die eb wird weiterhin das Wirken junger Experten begleiten und über ihre Ansätze berichten.

Dr. Steffen Röhlig
Chefredakteur

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