Auszug | eb - Elektrische Bahnen 11-12 |2018
393 Standpunkt 116 (2018) Heft 11-12 ElektrischerVerkehr braucht Infrastruktur – und das bedeutet Migration lles wird elektrisch: das Auto, der Bus, der Lkw, das Schiff, ja vielleicht sogar das Flugzeug. Und selbstverständlich auch der Diesel-Zug. Möglich machen sollen das immer mehr und immer bessere Energiespei- cher, die zukünftig überall preiswert und umweltver- träglich verfügbar sind. Die ersparen uns auch die Energieübertragungsleitungen. Und alles wird na- türlich getragen von einem gesamtgesellschaftli- chen Konsens, dass wir die Welt jeden Tag besser machen … – So viel aus der Abteilung Wunschden- ken; das passt ja auch gut zur Weihnachtszeit. Was ist die Realität? Tatsächlich haben die Verant- wortlichen in vielen Kommunen und deren Verkehrs- betrieben Absichtserklärungen oder sogar Aktions- pläne zur Umstellung ihrer Busflotten auf emissionsarme elektrische Antriebe vorgelegt, allen voran Großunternehmen wie die aus Berlin oder Hamburg. Das ist grundsätzlich sehr zu begrüßen. Auch Zustellerflotten in Städten werden schrittweise mehr elektrisch – allerdings bei ständig wachsendem Aufkommen. Die ersten beiden Feldversuche für elektrifizierte Autobahnen in Hessen und Schleswig-Holstein neh- men Gestalt an, ein drittes Projekt auf einer Bundes- straße im baden-württenbergischen Murgtal findet sich gerade. Im Bereich der elektrischen Pkws geht es ebenfalls vorwärts, allerdings viel langsamer als versprochen, was die Akzeptanz und den Anteil wirk- lich elektrischer Fahrzeuge betrifft. Meistens sind es dann auch noch Zweit- oder Drittfahrzeuge, die zu- sätzliche innerstädtische Flächen zur Abstellung be- anspruchen. Und auch bei der Bahn stehen die Signale für die weitere Elektrifizierung auf Grün. Der Ausbau der klassischen Elektrifizierung von derzeit knapp 60 % auf 70 % des Netzes steht als Ziel im Koalitionsver- trag, auf weniger befahrenen Strecken des Regional- verkehrs sollen zukünftige Ausschreibungsverfahren emissionsarmen alternativen Antrieben höhere Zu- schlagschancen einräumen. Also alles gut? Die Zielrichtung für mehr Elektro- verkehr stimmt. Aber ganz gleich, womit wir elektri- fizieren, ob mit Fahrleitungen, Batterie- beziehungs- weise Kondensatorspeichern oder Brennstoffzellen: All das braucht umfangreiche energietechnische Inf- rastrukturen – und zwar in der Fläche. Dieses Thema scheint der Mehrheit der Akteure erst langsam be- wusst zu werden. Im Fokus stehen bisher viel zu sehr die Fahrzeuge mit ihren Antrieben und Energiespei- chern. Aber diese können eben die elektrische Ener- gie nur speichern. Also muss diese erst einmal in großen Mengen zusätzlich erzeugt und auch über- tragen werden, mit Infrastrukturen im öffentlichen Raum. Das heißt schlicht und ergreifend umfangrei- che Planungs-, Abwägungs-, Genehmigungs- und Bauprozesse einschließlich eines langfristigen Finan- zierungsvorlaufes. Und all dies in einer stark individu- alisierten Gesellschaft, die Veränderungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld grundsätzlich skeptisch begegnet. Hier liegt die große Herausforderung für den Elektroverkehr, und die ist überhaupt nicht tech- nisch: Wie gelingt uns die Migration neuer Infra- strukturen in bestehende Strukturen vor dem Hinter- grund geweckter Erwartungen? Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die zunächst viel Ver- ständnis für die Notwendigkeiten erfordert. Die eb – Elektrische Bahnen wird mit ihren exzel- lenten Fachbeiträgen auch über diese Weihnachts- zeit hinaus dazu beitragen, das Wissen über Infra- strukturen als Grundlage für die Elektrifizierung des Verkehrs anschaulich und mit fachlicher Tiefe zu ver- mitteln. Nutzen Sie das und sagen Sie es weiter. Dies ist mein Wunsch als Herausgeber. Prof. Dr. Arnd Stephan Technische Universität Dresden Professur „Elektrische Bahnen“ A
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