Auszug | eb - Elektrische Bahnen 11-12 | 2024

431 Historie Fokus 122 (2024) Heft 11-12 Bahnwasserkraftwerk Kammerl – 120 Jahre Bahnenergie niederer Frequenz Die lokale Eisenbahnstrecke Murnau – Oberammergau nahm 1900 zu den Passionsspielen ihren Betrieb auf. Nach erfolglosen Versuchen mit Dreiphasenwechselstrom und zwischenzeitlichem Dampfbetrieb ging 1905 erstmals eine Bahn des öffentlichen Verkehrs mit Einphasenwechselstrom niederer Frequenz in den fahrplanmäßigen Betrieb. Erste Denkanstöße zum Bau einer Eisenbahnstrecke von Murnau nach Altenau über Kohlgrub mit Verlängerung nach Oberammergau kamen Anfang der 1890er Jahre von dem Münchner Heinrich Baumgartner, der im Badeort Kohlgrub durch Immobilienbesitz im Gastgewerbe wirtschaftliche Interessen hatte. Am 24 Januar 1897 erteilte Prinzregent Luitpold die Konzession für den Bau einer einspurigen elektrisch betriebenen Normalspurbahn von Murnau nach Oberammergau (Bild 1) an die Actiengesellschaft Elektrizitätswerke, vormals O. L. Kummer&Co., Dresden, Sitz München. Die von dieser und weiteren Dresdner Gesellschaftern 1898 gegründete Süddeutsche Elektrische Lokalbahnen AG ließ die Strecke Murnau – Oberammergau und das Wasserkraftwerk Kammerl bauen, welches auch die umliegenden Ortschaften mit Elektroenergie versorgen sollte. Das Wasserkraftwerk wurde an der Ammer 3 km westlich des Ortes Saulgrub errichtet. Die erforderlichen 24m Fallhöhe werden erreicht, indem 2 km flussaufwärts ein Wehr die Ammer anstaut und einen Teil des Wassers in einem 1490m langen Triebwasserkanal zum Kraftwerk leitet. Nach 162m offenem Kanal fließt das Wasser durch einen 184m langen Stollen auf ein 184m langes Aquädukt (Bild 2), welches die Halbammer, einem Nebenfluss der Ammer, überquert. Nach 1063m offenem Kanal werden an dessen Ende Leer- und Überlaufbauwerk mit Feinrechen erreicht. Von dort führt ein Fallrohr aus genietetem Stahl mit 2m Durchmesser das Wasser zu den 18m tiefer liegenden Turbinen, um anschließend über den 6m tiefer liegenden Auslaufkanal wieder in die Ammer zu gelangen. Schon damals war die von der Ammer geführte Wassermenge sehr unstetig. Der langjährige Durchschnitt der nutzbaren Menge für zehn Monate war mit 4,5m3/s bis 6m3/s angegeben. Im Dezember waren mit 2m3/s bis 4,5m3/s und im Januar mit 1m3/s bis 2m3/s die Werte niedriger. Zusätzliche kurzzeitige Wassermengen bei Schneeschmelze und Starkregen sind wirtschaftlich nicht nutzbar. In der Maschinenhalle des Wasserkraftwerkes wurden zwei Hauptmaschinensätze mit liegender Welle errichtet. Dazu lieferte die Firma Voith aus Heidenheim zwei 500-PS-Francis-Spiralturbinen mit hydraulischer Regelung der Leitschaufeln und Laufrädern aus Bronze. Über Schwungräder und Riemenkupplungen nach Zodel-Voith trieben diese jeweils einen Drehstrom-Generator an (Tabelle 1). Über eine Innenraumschaltanlage in der Maschinenhalle und Freileitungen wurden die Gemeinden im Umland und die Streckentransformatoren ab 1899 mit Dreiphasen-Wechselstrom 3 AC 5 kV 40Hz beliefert. Für Bild 1: Streckenplan Murnau – Oberammergau (Zeichnung: Siegfried Graßmann). Bild 2: Aquädukt des Triebwasserkanals über die Halbammer (Foto: DB Energie). eb 11-12 2024 ePaper Abonnement 2024 ã Georg Siemens Verlag GmbH & Co. KG Vervielfältigung und Verbreitung unzulässig und strafbar!

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