Fachkompetenz in der Eisenbahnbranche (eb 4-5 | 2018)

Ich erinnere mich gut an meine ersten Eindrücke beim Übertritt aus der universitären in die industrielle Welt. Es waren plötzlich „Visionen“ und schnelle Entscheidungen gefragt. Da wehte also ein viel frischerer Wind! Schnell wurde mir aber klar, dass damit noch kein erfolgreiches Produkt und auch keine brauchbaren Forschungsergebnisse entstehen. An der seriösen Arbeit im Detail führte kein Weg vorbei. Zur universitären Ausbildung kamen neue Erfahrungen dazu. Zeitdruck, beschränkte Finanzen und manchmal Streit zwischen verschiedenen Standorten der Firma hatten Einfluss auf die Arbeit.

Wie geht man damit um als Ingenieur? Mit qualitativ hochwertiger, aber effizienter Arbeit. Neben technischen Kenntnissen sind dazu betriebliche verlangt, und ein gutes Gespür für wirtschaftliche Zusammenhänge. Auf dem Weg dorthin gibt es nur eine Richtung: Die Karriere muss mit Detailarbeit beginnen, nicht nur ein paar Wochen lang. Das Wissen und die Fähigkeiten verbreitern sich mit der Zeit von selbst. Man kann nicht Psychologie studieren und dann technische Produkte entwickeln. Umgekehrt lernt ein guter Ingenieur bald, dass oft etwas Psychologie nötig ist. Wenn ein Produkt nicht funktioniert, hilft es nicht, wenn man nur schöner streiten lernt. Wer die Funktionsweise und das Umfeld kennt, kann besser verhandeln, gerechtfertigte Forderungen durchsetzen und im richtigen Moment auch einmal einen Kompromiss eingehen.

Das scheint aber nicht ganz dem Zeitgeist zu entsprechen. Ich glaube, man kann heute schon von Anfang an „Interdisziplinarität“ studieren, auch wenn es nicht so heißt. Mit dem Schwärmen über Komplexität, der endlosen Wiederholung von „Digitalisierung“, „smart“, „innovativ“, dem unsäglichen „4.0“ oder neuerdings auch „agil“ ist noch überhaupt nichts erreicht. Es hat nach wie vor viel zu viel Geld in der Bahnbranche. Anders sind überdimensionierte Forschungsprojekte und die zahllosen Stabsstellen, die sich an diesen Schlagwörtern erfreuen, gar nicht erklärbar. Zuviel Geld ist natürlich relativ, es fehlt einfach andernorts.

Dr. Markus Meyer

Dr. Markus Meyer
Mitinhaber emkamatik GmbH
Lehrauftrag Eisenbahn-Systemechnik an der ETH Zürich

Wir haben auch nicht zu wenige Ingenieure, wir setzen viele davon nur falsch ein. Vielleicht bilden wir sie auch falsch aus. Wie war der Spruch vom Ruderer und der Anzahl der Steuermänner ...? Man kann ihn erweitern: Wer rudern kann, lernt leicht auch steuern. Wer nur steuern gelernt hat, ist überfordert mit dem Rudern. Ganz abgesehen von denjenigen, die sich nur ausdenken, wie man rudern oder steuern sollte, oder zählen wie viele gerudert und gesteuert haben.

Wenn wir eine leistungsfähige Bahnbranche erhalten wollen, führt kein Weg an der Stärkung der Fachkompetenz vorbei. Das ist nicht zu verwechseln mit Engstirnigkeit, und keinesfalls auf rein technische Kompetenzen beschränkt, auch wenn es davon ausgehen soll. Wir müssen bei der Aus- und Weiterbildung wieder vom Detail zum Ganzen gehen, damit wir später überhaupt vom Ganzen ins Detail denken können. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Wir müssen die Fachkompetenz stärken, nicht das Reden über Fachkompetenz. Womit ich mich entschuldige, dass ich hier auch nur darüber geredet habe ...

Dr. Markus Meyer
Mitinhaber emkamatik GmbH
Lehrauftrag Eisenbahn-Systemechnik an der ETH Zürich

Zum Seitenanfang
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok