Verschlafen wir die Energiewende? (eb 7-8 | 2019)

Die Bundesrepublik Deutschland war einmal Vorreiter bei erneuerbaren Energien. Heute zeugen die schwierigen Diskussionen zum Kohleausstieg vor allem von wirtschaftspolitischen Bedenken der betroffenen Bundesländer anstatt von der Sorge um unser Klima.

Die USA hat das „Übereinkommen von Paris“ gekündigt, und die jährlich stattfindende Weltklimakonferenz scheint nur noch auf der Stelle zu treten. Mittlerweile müssen uns Schulkinder mit freitäglichen Protestaktionen daran erinnern, endlich zu handeln.

Immerhin trägt der Sektor Verkehr zu knapp 30 % am CO2-Ausstoß in der Europäischen Union bei und hat dabei auch noch in den letzten 30 Jahren um rund ein Viertel zugenommen. Daher ist es unser aller Pflicht und Schuldigkeit, den CO2-Ausstoß im Verkehrssektor drastisch zu reduzieren.

Ein „weiter so wie bisher“, auch mit batteriebetriebenen Elektroautos im Individualverkehr, wird unsere Herausforderungen nicht lösen können. Selbst wenn es gelingen sollte, diese Fahrzeuge aus schließlich mit Strom aus erneuerbaren Quellen zu laden, sind sie damit noch lange nicht „grün“. Die CO2-Bilanz wird erst bei großer Laufleistung günstiger als beim Verbrennungsmotor, und daneben gibt es weitere Umweltlasten, wie zum Beispiel den Feinstaub, die durch Elektroautos nicht reduziert werden.

Prof. Dr.-Ing. Peter Gratzfeld

Prof. Dr.-Ing. Peter Gratzfeld
Professor für Bahnsystemtechnik am  
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Was wir brauchen, ist ein grundsätzlich anderes Mobilitätsverhalten. In den Ballungszentren kann daher die Lösung nur lauten: Wo immer möglich weg vom motorisierten Individualverkehr, hin zum e-ÖPNV.

Das wird aber nur dann in der Bevölkerung Akzeptanz finden und gelingen, wenn es attraktive Angebote dafür gibt.

Der schienengebundene Nahverkehr in der Stadt ist heute schon fast ausschließlich elektrisch. Straßenbahnen, U-Bahnen, S-Bahnen und viele elektrische Regionalzüge transportieren Massen von Menschen in den Ballungszentren. Strom ist der ideale Träger erneuerbarer Energien, deren Anteil im Verkehr ständig zunimmt.

Ergänzend zum schienengebundenen Nahverkehr ist in der Stadt in vielen Fällen der Bus die flexiblere, wirtschaftlichere und daher unverzichtbare Lösung. Ihm wird als elektrisch angetriebener Stadtbus ebenfalls eine große Bedeutung zukommen. Sowohl als Batteriebus, Oberleitungsbus oder Brennstoffzellenbus kann er einen großen Anteil an CO2-Ausstoß vermeiden. Hier stehen wir aber erst am Anfang.

Schienen- und straßengebundener e-ÖPNV haben beide ihre Berechtigung und müssen massiv
ausgebaut werden. Das kostet viel Geld, setzt politische Willensbildung voraus und erfordert langfristiges Denken und Planen.

Die Mobilitätswende kann gelingen, wenn sich nachhaltig agierende Kommunen und weitsichtig
handelnde Politiker für den konsequenten Ausbau des e-ÖPNV einsetzen.

Unterstützen wir sie dabei, in dem wir uns mit Fachkompetenz und Engagement vor Ort einbringen!

Prof. Dr.-Ing. Peter Gratzfeld
Professor für Bahnsystemtechnik am  
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

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