Projekte beschleunigen und verstetigen (eb 12 | 2019)

Es neigt sich ein Jahr dem Ende, welches für die Zukunft der Bahn im Allgemeinen und die elektrische Bahn im Besonderen durchaus positiv war: Der Elektrifizierungsgrad und die elektrische Traktion sollen zunehmen, der Bahnverkehr soll insgesamt eine größere Rolle spielen. Dieselfahrzeuge sollen durch elektrische Batterieoder Wasserstoffzüge ersetzt werden. Es werden Programme angeschoben, wie die Digitale Schiene Deutschland, welches durch das Ausrollen von ETCS auf wesentlichen Korridoren die Streckenkapazität erhöhen soll. Das alles hat Auswirkungen auch auf die elektrische Bahninfrastruktur und auf die Fahrzeuge.

Für die Bahnindustrie ist dies alles beruhigend und bietet eine zukünftige wirtschaftliche Stabilität. Dies lässt uns gesicherter in die Zukunft blicken, wenn die vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und der Regierung zugesicherten Gelder nun auch zeitnah gezeichnet werden. Dann stehen in den nächsten zehn Jahren deutlich mehr finanzielle Mittel den Aufgabenträgern und Eisenbahnversorgungsunternehmen (EVU) zur Verfügung, als in der Vergangenheit jemals jährlich zur Verfügung standen. Da das BMVI mittels des Programms Zukunftsbündnis Schiene schon frühzeitig in diesem Jahr alle Interessengruppen, unter anderem Aufgabenträger, EVUs und Verbände, auf die sich positiv verändernden finanziellen Rahmenbedingungen aufmerksam gemacht hat, warten nun alle auf eine schnelle Umsetzung.

Dr. Michael Bernhardt

Dr. Michael Bernhardt
Geschäftsführer Rail Power Systems GmbH

Was kommt bisher davon an? Einige Planungsunternehmen äußern sich dahingehend, dass sich diese Nachrichten bisher kaum auf einen Zuwachs zu planender Projekte ausgewirkt haben. Die Industrie wickelt derzeit Projekte nach bestem Wissen und den verfügbaren Kapazitäten ab. Ein höherer Durchsatz an Projekten kann aber nur erfolgen, wenn auch die vom BMVI und der Deutsche Bahn AG gestarteten Programme eben dieses Zukunftsbündnis Schiene, die Zukunftsinitiative Bahnbau und die darin definierten Maßnahmen weiterhin zügig und mit Nachdruck von den Beteiligten umgesetzt werden.

Bisher hat die angekündigte Ausgabensteigerung noch nicht zu der entsprechend proportionalen Entwicklung des Auftragseingangs geführt. Leider müssen immer noch Projekte terminlich verschoben werden, da entweder der Planungsstand noch nicht soweit ist, so dass es für einen Beginn der Baumaßnahme reicht, oder, dass die angekündigten finanziellen Mittel noch nicht abrufbar sind. Nur mit einer weiteren Anpassung des Planungsrechts und damit Verschlankung der Planungsabläufe und der baldigen Zeichnung der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung und der anderen Finanzierungbudgets wird die Basis geschaffen für eine schnellere Umsetzung.

Zum Teil sind aber auch die rechtlichen Voraussetzungen momentan noch hemmend, wie zum Beispiel bei den batterieelektrischen Zügen. Es wurde zwar bereits Rollmaterial bestellt, bei den dafür erforderlichen Ladestationen müssen aber noch das Regelwerke verabschiedet sowie noch offene rechtliche Rahmenbedingungen definiert werden, damit eine vertragssichere Ausschreibung der Infrastruktur möglich ist. Die ausschreibenden Stellen der EVUs sollten aber auch zusammen mit dem Bau- und Bahnindustrieverband und dem Gesetzgeber abstimmen, wie die Vergaberegularien anzupassen wären, um auch hier schlankere Prozesse zu definieren. Eine Regelung wie „Wer plant, der baut nicht“ bremst mehr als sie hilft, bei zum Teil schon hoch standardisierten Bau-Prozessen der Bahninfrastruktur, wie zum Beispiel dem Building Information Modeling.

Die Bahnindustrie hat Ideen, sie hat Kapazitäten, sie steht bereit. Die Kapazitäten sind freilich nicht unendlich, denn in der Vergangenheit war die Nachfrage nach Bauleistungen aufgrund geringer Investitionen in die Bahninfrastruktur nicht groß, und bei weitem auch nicht konstant. Das hat Spuren hinterlassen bei der Anzahl der Mitarbeiter sowohl bei den Unternehmen als auch bei den EVUs.

Dieser konjunkturell verursachte Personalschwund verbunden mit der Verrentung der Baby-Boomer-Jahrgänge führte und führt dazu, dass wir alle nun um neue Mitarbeiter ringen und hohe Aufwendung haben, um das Wissen um das System Eisenbahn zu sichern. Für den Sektor ist es wichtig, die Attraktivität zu steigern durch eine Ausgewogenheit zwischen Arbeit und Familienleben sowie Gehaltstrukturen zu schaffen, die vergleichbar sind zu anderen Sektoren. Dies führt sicherlich auch zu höheren Bau- und- Betriebskosten, aber ohne Attraktivität wird der Sektor es schwer haben, Jungingenieure und Auszubildende anzuwerben.

Wenn wir uns im Sektor zu Weihnachten etwas wünschen dürfen, dann ist es eine in den nächsten Jahren anhaltende Kontinuität der Politik, den Sektor Bahn nachhaltig und mit Weitblick zu begleiten. Denn Bahninfrastruktur wird für mehrere Generationen gebaut und die errichteten Anlagen haben Lebenszyklen bis 70 Jahre. Legislaturperioden in Bund, Land und Kommunen sind im Vergleich dazu kurzlebig und die nun definierten Ziele der zukünftigen Mobilität sollten verpflichtend sein über viele Legislaturperioden hinaus.

In diesem Sinne müssen wir mehr „Schienenstolz“ zeigen.

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