In memoriam Friedrich Kießling

Am 16. September 2019 verstarb unerwartet Dr.-Ing. Friedrich Kießling wenige Tage vor seinen 84. Geburtstag.

In Fürth/Bayern, an der Wiege der ersten deutschen Eisenbahn, 1935 geboren und aufgewachsen, war seine Bestimmung für die Eisenbahn vorgezeichnet. Nach Abschluss des mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasiums 1954 folgte das vierjährige Maschinenbau-Studium an der Technischen Universität in München. Im Anschluss an seine Tätigkeit als Assistent am Lehrstuhl für technische Mechanik promovierte er 1971. Damit legte er die Grundlage für seine erfolgreiche Tätigkeit im Freileitungsbau. Bereits 1965 begann er seine Kariere bei der Siemens AG in Erlangen als Gruppenleiter für Fahrleitungen und Freileitungen. Die Siemens AG nutzte das Wissen und die Führungsfähigkeiten von Friedrich Kießling und erweiterte 1976 die Technikgruppe zur Technikabteilung. Ab diesem Zeitpunkt war er als wissenschaftlicher Berater und Leiter der Abteilung Technik und Entwicklung für die Systemtechnik Fahrund Freileitungen bis zu seinem Ausscheiden aus der Siemens AG 1997 in Erlangen tätig.

In dieser Zeit wirkte er in mehreren internationalen Freileitungsfachgremien oder leitete diese, so bei CENELEC das Komitee TC 11 „Freileitungen“, welches für die europäische Norm EN  50341 zuständig ist oder bei Cigré, dem internationalen Gremium für große elektrische Netze. Auf IEC-Ebene war er deutscher Delegierter im Komitee TC  11 „Freileitungen“.

In memoriam Friedrich Kießling

Friedrich Kießling

Dort war er maßgeblich an der Erstellung der internationalen Normen IEC 60826, IEC 61773 und IEC  61824 beteiligt. Seit 1967 arbeitete er innerhalb der DKE im Komitee K421 „Freileitungen“ mit und leitete dort unter anderem die Arbeitsgruppe für die Norm DIN  EN  1991-1-3 Eislasten.

Sein Wirken im Freileitungsbau führte zu Berechnungsmodellen für Masten und Trassierungen sowie der Entwicklung und Berechnung von Gestängen für viele deutsche Energieversorgungsunternehmen. Ein fachlicher Höhepunkt war seine Studie zu den Leitungen für DC 500  kV in Deutschland. Die Projekte, die unter seiner fachlichen Leitung standen, waren Freileitungen über Elbe und Weser, in den Arabischen Emiraten, in Indonesien, Iran, Korea, Nigeria und Saudi Arabien. In der Türkei war er für die Freileitung über den Bosporus verantwortlich und in Ägypten für die über den Suez-Kanal. Aus diesem Wissensfundus entstanden Freileitungsfachbücher in englischer und deutscher Sprache, die zum weltweiten Standard im Freileitungsbau geworden sind, und über 50 Fachpublikationen.

Im Fachgebiet der Oberleitung machte sich Friedrich Kießling um die Entwicklung und Erprobung der Hochgeschwindigkeitsoberleitungsbauarten Re250 und Re330 im deutschen Hochgeschwindigkeitsverkehr verdient. Er war maßgeblich an der Vorbereitung und Durchführung der Weltrekordfahrt des ICE/V zwischen Würzburg und Fulda beteiligt, bei der am 1. Mai 1988 eine Höchstgeschwindigkeit von 406,9 km/h erreicht wurde. Seine wissenschaftlichtechnische Leistung bestand in der Analyse der Vorgänge beim dynamischen Zusammenwirken von Oberleitung und Stromabnehmer sowie der Umsetzung in ausführbare und nun seit Jahrzehnten bewährten Oberleitungsbauarten. Der deutsche Weltrekord im Jahr 1988 war gleichzeitig eine Krönung seiner fachlichen Leistung.

Friedrich Kießling legte den Grundstein für die bis 400 km/h ausgelegte Oberleitungsbauart Sicat H, die in Deutschland, Spanien, Niederlanden und China erfolgreich betrieben wird. Erstmals nutzten Montagefirmen Aluminium-Bauteile, an deren Einführung Friedrich Kießling wesentlichen Anteil hatte. Die aus der Entwicklung und der Konstruktion gewonnen Er-
fahrungen setzte er bis 2002 als Leiter der europäischen Arbeitsgruppe für das Erstellen der Technischen Spezifikationen Interoperabilität, Teilsystem Energie um.

Im Jahr 1997 erschien erstmals das Fachbuch Fahrleitungen elektrischer Bahnen in deutscher Sprache, das zwischenzeitlich in Englisch, Spanisch, Chinesisch und Russisch mit insgesamt neun Auflagen herausgegeben wurde. Dieses Fachbuch gilt mittlerweile weltweit als Standardwerk für den Entwurf, die Planung, den Bau und die Instandhaltung von Fahrleitungen elektrischer Bahnen. Friedrich Kießling unterstützte dieses Werk als Mitautor seit dem Entstehen des ersten Manuskriptes bis zu den gerade begonnen Arbeiten an der vierten deutschen Auflage.

Friedrich Kießling war einer der ersten vom Eisenbahn-Bundesamt anerkannten Sachverständigen. Seit seinem Ausscheiden aus der Siemens AG wirkte er weiter als Beratender Ingenieur für die Deutsche Bahn und zahlreiche Energieversorgungsunternehmen. Für sein Wirken erhielt Friedrich Kießling im Jahr 2000 die Beuth-Ehrenmedaille der Deutschen Maschinentechnischen Gesellschaft.

Mit seiner Mitarbeit und Leitung der Arbeitsgruppe zur Erstellung der TSI Energie bis 2002, brachte er sich bei der Interoperabilität der europäischen Zugförderung im Teilsystem Energie ein. Damit erreichte er die höchste Ebene fachlichen Wirkens für die europäische Integration der unterschiedlichen Stromarten und Fahrleitungsbauweisen. In den nachfolgenden Jahren unterstützte er maßgeblich das erste Review der europäischen Oberleitungsnorm EN  50119
durch die Erarbeitung und Abstimmung des Kapitels 6 Bauwerke im Arbeitskreis bei DKE und
CENELEC. Er war stets von der europäischen Idee, als Beitrag zur längsten Friedensperiode in Europa, überzeugt und sorgte mit seinem Fachverstand für das Zusammenwachsen der Bahnen Europas.

Von 1999 bis 2017 war er als Mitherausgeber der Zeitschrift eb – Elektrische Bahnen mitverantwortlich für deren inhaltliche Ausrichtung. Darüber hinaus war er von 1999 bis zur September-Ausgabe dieses Jahres der Zeitschrift als Redakteur verbunden. Zahlreiche Autoren schätzten seine redaktionelle Tätigkeit. Er legte besonderen Wert auf die korrekte For
mulierung technischer Sachverhalte und auf die grafische Ausführung der Aufsätze und gab seine theoretischen Kenntnisse und praktischen Erfahrungen damit auch an Jüngere weiter.

Friedrich Kießling trug maßgeblich dazu bei, dass die Zeitschrift über Deutschland hinaus als Fachzeitschrift hohe Reputation genießt. Er veröffentlichte in der eb zahlreiche eigene Beiträge.

Friedrich Kießling zeichnete sich durch hohes fachliches Können, klare Wertehaltung und Menschlichkeit aus. Seine Fachbuch-Mitautoren, Herausgeber und Redakteure der eb werden ihn vermissen und ehren einen Fachkollegen, der in seiner außerordentlichen Schaffenskraft und Warmherzigkeit uns allen ein Vorbild bleibt.

stellvertretend
für die Mitautoren des Fahrleitungsfachbuchs
Rainer Puschmann | Dr. Axel Schmieder

für die Herausgeber der Zeitschrift eb - Elektrische Bahnen
Thomas Groh | Roland Edel

für die Redaktion
Dr. Steffen Röhlig

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