Work-Life-Balance und Elektrotechnik

Es ist ganz offensichtlich so, dass das Thema ingenieurtechnischer Nachwuchs auch bei der elektrischen Traktion ein problematisches ist. Ein Studium der Elektrotechnik ist nicht IN. Bahnspezifische Studienrichtungen werden angeboten, aber selten in der Verbindung mit einem Elektrotechnik-Studium. Das Fach scheint bei jungen Studienbewerbern keinen Anklang zu finden.

Warum ist das so? Einige hoffen vielleicht, dass andere Studienrichtungen weniger Aufwand erfordern. In anderen Berufen könnte man vielleicht mehr verdienen oder mehrheitlich von zuhause aus arbeiten. Eisenbahnen stehen stellvertretend für eine Technik von gestern. Die Bahn verbindet man zumindest in Deutschland eher mit Problemen als mit
Hoffnungen.

Das heißt, dass das Fachgebiet für angehende Studierende ganz offensichtlich nicht im Fokus steht. Es mag sein, dass für junge Menschen die Eisenbahn nicht mehr die Rolle spielt verglichen mit den Zeiten, als eine Modelleisenbahn zuhause noch nahezu eine Selbstverständlichkeit war und viele den „Lokführer“ als Traumberuf sahen. Für viele stehen auch digitale Dinge im Vordergrund. Digitalisierung gibt es ja aber auch bei der Bahn und ist ein Schwerpunkt künftiger technischer Entwicklungen. Am Ende gibt es aber noch immer zwei Schienen aus Stahl, auf denen die Räder der Fahrzeuge rollen, es gibt Fahrdrähte aus Kupfer, durch die der Strom im wahren Sinne des Wortes fließt – und dass gilt auch noch für die Schienen – und Personen und Güter, die zu befördern und zu transportieren sind. Es gibt Fahrzeuge und Anlagen, die einen sicheren Verkehr ermöglichen. Schlussendlich ist es ein System aus vielen Komponenten und Teilsystemen. Das ist das eigentlich Interessante, was man Studienanwärtern nahebringen muss. In kaum einem anderen Sektor sind die zu bearbeitenden Themen und technischen Lösungen so vielfältig und am Ende auch so interessant.

Neben der Motivation muss dann aber auch das Studienangebot stimmen. Und im Hinblick auf das Bahnsystem scheint das nicht ansprechend genug zu sein. Es gibt einige wenige Angebote, die einen systemischen Ansatz verfolgen, wenn es sich dabei auch nicht um ein Elektrotechnikstudium handelt. Zumeist gibt es Angebote, die ein spezielles Fachgebiet vermitteln.

Bei der Bahn geht es nicht nur um ein Fachgebiet, sondern um viele. Für elektrische Bahnen sind grundlegend die Elektrotechnik und die zugehörigen Fachgebiete wie elektrische Maschinen, Leistungselektronik, Bahnenergieversorgung, Fahrzeugtechnik, Fahrdynamik, technische Mechanik, Eisenbahnbetrieb, Bahnsicherungstechnik und auch Projekt- und Instandhaltung. Nur dadurch bekommt man ein Systemverständnis. In wenigen Jahren werden diejenigen Experten, die noch eine derartige Ausbildung erhalten haben, die Unternehmen altersbedingt verlassen.

Und dann? Ideen zu einer Eisenbahn-Universität werden wieder geäußert. So etwas gab es in Deutschland auch schon. Diesem Vorschlag wird mit Bedenken dahingehend begegnet, junge Studierende ließen sich weder örtlich, noch zeitlich oder arbeitskulturmäßig binden. Und dann fallen in diesem Zusammenhang irgendwann die Begriffe Zumutbarkeit und Work-Life-Balance.

Erfahrung kommt aber nicht von ungefähr. Erfahrung erfordert Wissen, Interesse, Neugier, Beharrlichkeit und Ausdauer. Experten, die heute auf ein 30-jähriges Berufsleben im Fach zurückblicken, werden das bestätigen. Für junge Absolventen heutzutage gilt das eventuell nicht mehr als erstrebenswert.

Es gibt sicher kein Patentrezept dafür, wie man junge Menschen für elektrische Bahnen begeistert, wie man einen ingenieurtechnischen Beruf interessant machen kann. Vielfältig und zukunftssicher sind elektrische Bahnen alle Mal. Ohne Elektrotechnik fährt keine Eisenbahn.


Prof. Dr.-Ing. Steffen Röhlig
Chefredakteur